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Keine Angst

vor der Angst

Ängste und Angststörungen besser verstehen
Angsterkrankungen haben in den letzten Jahren massiv zugenommen. Studien belegen, dass in der EU rund 14% aller Menschen zumindest einmal in ihrem Leben eine Angststörung entwickeln. Betroffen ist also jede 5. Frau und jeder 10. Mann.

Auch wenn es noch keine abschließenden Statistiken gibt, schlagen seit Beginn der Corona-Krise die Psychiater und Psychotherapeuten landesweit Alarm. Ihre Praxen seien voll von Klienten, die unter ihren Ängsten leiden. Menschen fürchten um ihre Gesundheit, ihre wirtschaftliche Existenz, das Leben ihrer hochbetagten Angehörigen. Für manche wird die Angst so zum täglichen Begleiter.

Corona hat unser Leben in ein „davor“ und ein „danach“ geteilt. Ökonomen sprechen vom größten wirtschaftlichen Einschnitt seit 100 Jahren. Was macht das mit unserer Gefühlswelt? Wie nie zuvor hat die Emotion Angst „Hochkonjunktur“.

Wir erklären Ihnen, wie viel Angst gesund ist und wann sie gesundheitsschädlich wird. Erfahren Sie alles darüber, wann Selbsthilfe Sinn macht und wann professionelle Begleitung angesagt ist. Denn Wissen ist der Schlüssel zur Überwindung von Ängsten.

Wenn die Angst

zum Problem wird

Nicht jede Furcht muss gleich zur Angsterkrankung führen. Wie man erkennt, wann Unterstützung nötig ist, und warum Früherkennung wesentlich ist.
Verena L. kann nicht einschlafen, ihre Gedanken drehen sich im Kreis. Wie wird der morgige Tag verlaufen? Ihr Sohn geht in die Volksschule, aber für wie lange? Ein positiver Corona-Test eines Mitschülers reicht, und Verena weiß, dass die nächsten 14 Tage mit Home-Schooling und ihrer eigenen Arbeit als selbstständige Übersetzerin daneben wieder kaum schaffbar werden. Verenas Herz klopft, an Schlaf ist immer weniger zu denken. Sie muss immer wieder aufstehen, um ein Glas Wasser zu trinken.

Corona triggert Ängste

Verena ist eine von vielen jungen Österreicherinnen, die seit Ausbruch der Pandemie nicht nur im Alltag praktisch Unmögliches zu stemmen hatten, sie hat noch ein Problem dazubekommen: Ihre Angst hat sich verselbstständigt. Psychiater und Psychotherapeuten im ganzen Land schlagen Alarm – Menschen aller Altersgruppen, aus allen sozialen Schichten und mit unterschiedlichsten beruflichen und privaten Hintergründen klagen über massive Ängste. „Angsterkrankungen waren bereits vor Corona ein Thema“, weiß Sabine Sammer-Schreckenthaler, psychoanalytische Psychotherapeutin in Wien, zu berichten. „Die Pandemie allein ist sicher keine Ursache für Angsterkrankungen“, sagt Sammer-Schreckenthaler, dennoch sei sie in manchen Fällen wie das Zünglein an der Waage gewesen. Menschen, die ohnehin zu Ängstlichkeit neigten, hätten zum Beispiel plötzlich wieder Panikattacken bekommen.

So wie Verena. Der Alltag der Alleinerzieherin Mitte 30 schien geregelt. Im Rahmen einer Psychotherapie hatte sie sich schon einmal als Studentin mit ihren sozialen Ängsten auseinandergesetzt und geglaubt, diese überwunden zu haben. „Corona hat mich um Jahre zurückgeworfen“, erzählt die Salzburgerin. Alles sei auf einmal wieder da gewesen: die Gedankenkreisel, die Panik in Menschenmengen und die Schlafstörungen.

Wenn die Furcht zur Angsterkrankung wird

„Nicht jeder, der auf diese Art und Weise auf die Pandemie reagiert hat, leidet an einer Angsterkrankung“, schränkt die Psychotherapeutin Sammer-Schreckenthaler ein. Für Betroffene sei es wesentlich, den Unterschied zwischen Angst und gesunder Furcht zu kennen. „Furcht ist die Angst vor einer bestimmten Situation. In einer Pandemie, die per se viel Unsicherheit bringt, sind diese Gefühle durchaus berechtigt und angebracht“, sagt Sammer-Schreckenthaler. Erst wenn die Angst in Dauer und Intensität immer größer wird oder die Auslöser unpassend werden, kann die Angst zum Problem werden. Angsterkrankungen, auch als Angststörungen bezeichnet, können die Folge sein.

Begleitfaktoren als Warnzeichen

„Angst ist dann nicht mehr sinnvoll und gesund, wenn sie uns daran hindert, unsere beruflichen und privaten Ziele zu verfolgen und uns in die Gemeinschaft einzubringen“, sagt die Psychotherapeutin. Sie rät Personen, die sich fragen, ob ihre Ängstlichkeit noch gesund ist, auch auf andere Faktoren zu achten, denn „Ängste kanalisieren sich häufig im Grübeln. Dazu kommen Schlafstörungen, Lust- oder Antriebslosigkeit bzw. eine allgemeine Verschlechterung der Stimmung.“ Wer mehr als zwei Alarmzeichen an sich bemerkt, tut gut daran, die Sache beim Facharzt oder Therapeuten abklären zu lassen, so die Expertin. „Lieber früher zum Arzt als später“, so lautet ihr Motto.

Früherkennung wesentlich

„Übersteigerte Ängste früh zu erkennen, ist ganz wesentlich“, sagt auch der deutsche Psychiater und Angstspezialist Borwin Bandelow. Denn je länger sich eine Angst aufbauen kann, desto eher wird sie zur chronischen Angststörung. Die Praxis zeigt, dass jedoch gerade Menschen mit Angsterkrankungen häufig viel Zeit vergehen lassen, bevor sie sich fachlichen Rat holen. „Im Durchschnitt warten Menschen dreieinhalb Jahre, bis sie sich Hilfe suchen“, sagt Bandelow. Bei sozialen Ängsten sei diese Zeit noch länger. „Viele Teenager, die mit 13 oder 14 Jahren eine soziale Phobie entwickeln, kommen erst mit Mitte oder Ende 20 in Behandlung.“ Viel zu lange, konstatiert der Facharzt. Denn je länger gewartet wird, desto mehr Angst-Bahnen hat das Gehirn bereits gebildet.

Auch Verena hat beschlossen, sich wieder Unterstützung zu holen und sich ihre Ängste neuerlich in einer Psychotherapie anzusehen. „Zuerst widerwillig“, wie sie sagt. „Ich konnte einfach nicht glauben, dass ich wieder krank bin.“ Für sie – wie für viele andere Menschen, die an Angsterkrankungen leiden – ist es ein schmerzhafter Prozess der Erkenntnis, dass diese immer wieder auftreten können.

Angst-Kompetenz

von Klein auf lernen

Angst ist zuallererst eines: ein normales Gefühl. Wer sein Kind vor Angsterkrankungen schützen möchte, setzt auf Gefühlskompetenz und ermutigende Begleitung.
Die beste Prävention von Angststörungen ist der Erwerb von Gefühlskompetenz. „Wer möchte, dass sein Kind gesund aufwächst, sollte ihm nicht nur Wissen und praktische Fähigkeiten mitgeben, sondern auch darauf achten, dass es lernt, seine Gefühle zu erkennen und gut mit ihnen umzugehen“, sagt die Psychologin und Psychotherapeutin Helga Kernstock-Redl. Emotionsregulation und der Umgang mit starken Gefühlen, das sind ihre Spezialgebiete. Ihre Bücher zählten zu den ersten, die sich auf dem deutschsprachigen Markt der Psy-Ratgeber mit der Erklärung von Gefühlen befassten. „Gefühle kann man auch als eine spezielle Art von Energie sehen“, weiß Helga Kernstock-Redl und fügt hinzu: „Denn der ursprüngliche Sinn mancher Gefühle ist, im Körper bestimmte Handlungsreflexe wie flüchten, kämpfen, totstellen, Arterhaltung etc. auszulösen.“

Einschnürend und eng

Bereits die Herkunft des Wortes Angst zeigt, worum es dabei geht: Enge und Bedrängnis. Körperlich drückt sich diese Enge in Atemnot, einem einschnürenden Gefühl um die Brust, Schwitzen oder Herzrasen aus. „Angst ist ein uraltes körperliches Programm“, erklärt Psychiater Borwin Bandelow. „Eine Kampf- und Fluchtreaktion, die der Mensch immer schon ad hoc abrufen konnte, wenn er in gefährliche Situationen kam.“ Dass das Gefühl so unangenehm ist, habe die Biologie durchaus so vorgesehen, denn nur so könne sichergestellt werden, dass der Mensch alles daransetzt, den Grund der Angst abzustellen.

Einschnürend und eng

Bereits die Herkunft des Wortes Angst zeigt, worum es dabei geht: Enge und Bedrängnis. Körperlich drückt sich diese Enge in Atemnot, einem einschnürenden Gefühl um die Brust, Schwitzen oder Herzrasen aus. „Angst ist ein ur-altes körperliches Programm“, erklärt Psychiater Borwin Bandelow. „Eine Kampf- und Fluchtreaktion, die der Mensch immer schon ad hoc abrufen konnte, wenn er in gefährliche Situationen kam.“ Dass das Gefühl so unangenehm ist, habe die Biologie durchaus so vorgesehen, denn nur so könne sicher gestellt werden, dass der Mensch alles daran setzt, den Grund der Angst abzustellen.

Angst lässt "die Airbags explodieren"

Bandelow vergleicht Angstreaktionen auch mit dem Fahrverhalten hochmoderner Autos, die Unfälle vorhersehen können: „Hier werden sofort die Gurte straffer angezogen, die Airbags explodieren, und das Auto bremst ab. Ähnliches passiert im Körper, wenn das Blut aus dem Kopf in die Arme gepumpt wird, damit wir besser kämpfen können, und in die Beine, damit wir besser weglaufen können.“ Setzt eine Angstreaktion ein, so wird der Teil des Gehirns, der für logisches Denken zuständig ist, der sogenannte Hippocampus, im Wesentlichen umgangen – ein rasantes Notfallprogramm läuft ab, um das Überleben zu sichern.

Gesetzmäßigkeiten der Angst

„Für Eltern von ängstlichen Kindern ist es besonders wichtig, die Gesetzmäßigkeiten von starken Gefühlen wie Angst zu verstehen“, weiß Helga Kernstock-Redl, selbst lange Jahre im Preyer’schen Kinderspital tätig. „Wir Erwachsenen neigen dazu, Kindern, die akut ängstlich sind, durch gutes Zureden helfen zu wollen. Unsere Ratschläge können jedoch in dem Moment – rein biologisch betrachtet – nicht aufgenommen werden.“ Jeder, der selbst einmal Panik erlebt hat, weiß, dass rationales Denken in diesem Moment nicht funktioniert. „Daher sollten Eltern vor allem wissen, dass jedes noch so starke Gefühl nach einer gewissen Zeit wieder abflaut.“

Gefühle wollen etwas Gutes

Problematisch würde es nur dann, wenn wir, anstatt das Gefühl möglichst ruhig vorbeiziehen zu lassen, immer mehr und panischer darauf reagieren, so Helga Kernstock-Redl. Sie vergleicht Gefühlsstürme daher auch gerne mit Treibsand. „Je panischer Sie im Treibsand oder Schlamm um sich schlagen, umso mehr stecken Sie fest. Dabei können wir darin gar nicht untergehen. Sobald Sie die Naturgesetze kennen und nutzen, können Sie sich mit langsamen, rüttelnden Bewegungen daraus befreien.“ Emotionsregulation hat daher in erster Linie mit gelassenem Aushalten und mit einer ruhigen Herangehensweise zu tun. Gefühle wollen uns schließlich etwas Gutes. Die Expertin rät Eltern konkret zu einer 4-Schritte-Technik.

Die 4-Schritte Technik zur Emotionsregulation

Diese lässt sich am besten anhand einer konkreten Situation verstehen.
  • 1: Das Gefühl sehen und freundlich benennen: „Ich sehe, du musst dich fürchten.“ „Kann es sein, dass du traurig bist?“
  • 2: Es verstehen wollen oder Erklärungen anbieten: „Was ist denn passiert?“ „Eh klar, dass du das fühlst, weil dir das passiert ist.“
  • 3: Annehmen, akzeptieren und Zeit geben: „Es ist okay. Du bist okay.
    Echt schwierig …“
  • 4: Etwas tun damit oder dagegen: das Problem lösen, ablenken, Zauberpflaster oder einen Plan fürs nächste Mal austüfteln.
„Es geht nicht darum, Treibsand zu vermeiden, denn Gefühle sind der lebendige Teil unseres Lebens und unserer Innenwelt“, sagt Kernstock-Redl. Vielmehr gehe es darum, die eigenen Gefühle wie Pferde gut am Zügel zu führen. „Kleine Kinder brauchen ihre Eltern noch als Co-Regulatoren, um das zu schaffen“, sagt die Psychologin.

Die vielen Gesichter

der Angst

Angsterkrankung ist nicht gleich Angsterkrankung. Die meisten Betroffenen erleben im Laufe ihres Lebens verschiedene Ausformungen der Angst. Welche gibt es? Und wann tauchen sie auf?
Das Leben von Anita K. (45) war schon früh von Ängsten geprägt. Aufgewachsen in einer Sinti-Familie erlebte sie von klein auf Gewalt. „Es herrschte ein sehr rauer Umgang mit Kindern“, erzählt die deutsche Künstlerin aus Ansbach bei Nürnberg. Bereits als junge Frau habe man ihr Angst- und Panikstörungen diagnostiziert. Das Thema Trauma sollte ihr Lebensbegleiter werden. Durch jahrelange Therapie wurde Anita Expertin für sich selbst. Corona habe nun viele alte Ängste wieder aufleben lassen, erzählt sie. „Meine Einkäufe während des ersten Lockdowns waren ein richtiger Spießrutenlauf“, sagt Anita. Häufig seien die Regale leer gewesen, sodass sie mehrmals losgehen musste, um alles zu bekommen, was sie brauchte. Jedes Mal „in Todesangst und weggetreten“, wie sie erzählt. „Die Nähe zu anderen Menschen hat bei mir regelmäßig Panik ausgelöst“, sagt die Künstlerin. Anita leidet aufgrund ihrer traumatischen Vorgeschichte an einer generalisierten Angststörung. In Corona-Zeiten flammten zusätzlich die alten Panikattacken wieder auf.

Die Anfänge der Angst

Angsterkrankungen werden heute in mehrere Gruppen eingeteilt, die je nach Altersstufe unterschiedlich oft auftreten. Die Ursachen sind komplex und häufig nicht einfach feststellbar. Fachleute gehen von einer Mischung aus genetisch-familiären Faktoren, Temperamentseigenschaften, Umweltfaktoren wie der frühen Bindung des Kindes und traumatischen Erlebnissen aus. „Ein eindeutiges genetisches Profil gibt es leider nicht“, sagt der Psychiater Siegfried Kasper, emeritierter Ordinarius für Psychiatrie an der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Medizinischen Universität Wien. Dennoch gäbe es zunehmend Hinweise, dass Angsterkrankungen auch genetisch bedingt seien. Häufig würde es sich um ein Zusammenspiel von vielen kleinen Dingen handeln, deren Ursprung schwierig nachzuvollziehen sein kann. Die Wahrscheinlichkeit, an einer spezifischen Angststörung zu erkranken, so Kasper, sei je nach Alter unterschiedlich.
  • 1. Kindliche Ängste gehören dazu

    „Ängste im Kindesalter sind Teil der normalen Entwicklung“, weiß die Wiener Psychotherapeutin Sabine Sammer-Schreckenthaler zu berichten. Während Kleinkinder häufig mit Trennungs- oder Dunkelheitsängsten zu kämpfen haben, kommen ab der Volksschule soziale und Leistungsängste dazu. „Werden mich die anderen mögen? Reichen meine Leistungen aus? Kann ich mich sportlich beweisen?“ sind typische Fragen für diese Altersgruppe. Ob ein Kind aus diesen natürlichen Ängsten eine Angststörung entwickelt, hat häufig auch mit dem angeborenen Temperament zu tun.
  • 2. Die Anfänge der sozialen Phobie im Jugendalter

    Kinder, die von Haus aus ängstlich sind, neigen eher dazu, eine gewisse Überängstlichkeit zu entwickeln, die sich im Teenager-Alter zur sozialen Phobie entwickeln kann. Gemeint ist damit die Angst vor Situationen, in denen man als Person im Mittelpunkt steht, und die damit verbundene Sorge, sich zu blamieren oder bloßzustellen. Jugendliche oder Erwachsene mit einer sozialen Phobie haben Ängste, in der Öffentlichkeit zu reden, in Restaurants zu essen oder vor anderen eine Unterschrift leisten zu müssen. „Der spontane Reflex ist häufig Rückzug“, sagt die auf Kinder- und Jugendtherapie spezialisierte Psychoanalytikerin Sabine Sammer-Schreckenthaler. Erkennen Eltern dieses Verhalten früh, so können sie gegensteuern. Sammer-Schreckenthaler betont daher: „Eltern sollten großes Augenmerk darauf legen, ihre Kinder zu stärken und sie nicht in einem Vermeidungsverhalten zu unterstützen.“ Will das Kind zum Beispiel eine Aufgabe auf keinen Fall allein angehen, kann überlegt werden, ob es nicht doch ein Umfeld gibt, in dem kleine Schritte gelingen können.
  • 3. Im Sturm der Panikattacke

    Teenager können nicht nur soziale Phobien, sondern auch bereits Panikstörungen entwickeln, weiß Siegfried Kasper. „Eine Panikattacke ist nichts anderes als eine normale Angstreaktion potenziert“, sagt der Fachmann. Gemeint sind damit unvermutet auftretende starke Angstzustände, die keinen konkreten Auslöser haben, aber mit massiven körperlichen Symptomen verbunden sind, wie Atemnot, Schwindelgefühl, Übelkeit, Zittern oder Schwitzen. Meistens wird erst nach wiederholten Durchuntersuchungen der psychische Hintergrund der Beschwerden deutlich – Betroffene denken also zu Beginn lange, sie würden tatsächlich ersticken. Nach der Abklärung stellt die „Angst vor der Angst“ die größte Hürde dar. Da Panikattacken in der Öffentlichkeit als extrem peinlich erlebt werden, wird alles getan, um diese in Zukunft zu vermeiden.
  • 4. Im Käfig der Angst- und Sorgenkreisel

    Während Panikattacken Betroffene rasch aktivieren, bleiben andere Angsterkrankungen häufig viel länger unentdeckt. Dazu zählt vor allem die generalisierte Angststörung. Dabei handelt es sich um einen Zustand permanenter Sorgen und Ängste – von der Gesundheit bis zu Geld-, Schul- oder Arbeitssorgen. Der Alltag wird so zum Spießrutenlauf. „Die Anfänge sind oft schleichend“, weiß Universitätsprofessor Siegfried Kasper zu berichten. Wer spürt, dass er immer schwerer von Ängsten und Sorgen abschalten kann, leidet möglicherweise bereits an einer „subsyndromalen Angststörung“. Erste Anzeichen können Ruhe- und Antriebslosigkeit, Schlafstörungen, Reizbarkeit, Konzentrationsschwierigkeiten, erhöhte Muskelspannung oder leichte Ermüdbarkeit sein. „Der Unterschied zur Angsterkrankung liegt allein in der Dauer und Intensität der Symptome“, sagt Kasper. Er vergleicht die subsyndromale Angststörung daher auch mit einem labilen Blutdruck, der „manchmal oben, manchmal unten“ sei. „Menschen mit subsyndromaler Angststörung sind noch nicht in dem Ausmaß an der Verrichtung ihrer täglichen Arbeit gehindert wie Menschen mit einer generalisierten Angststörung, die möglicherweise zwischen zwei und drei Stunden am Tag mit ihren Ängsten beschäftigt sind“, so der Psychiater.
  • 5. Von Spinnen und Schlangen

    Zuletzt gibt es noch individuelle Formen von Phobien. Sie werden durch konkrete Situationen oder Objekte ausgelöst. Am bekanntesten sind wohl die Spinnen-, Schlangen- oder Hundephobie oder die Klaustrophobie (krankhafte Angst vor dem Aufenthalt in geschlossenen Räumen). Da die Beeinträchtigung nur bei Konfrontation mit dem angstmachenden Objekt auftritt, halten sich die Schwierigkeiten im Allgemeinen in Grenzen.
Anita hat fast alle Formen von Angststörungen am eigenen Leib erlebt. Wie viele Betroffene hat sie eine Art „Angst-Karriere“ durchlaufen – mit ersten sozialen Ängsten in der Jugend, Panikattacken als junge Frau und später einer generalisierten Angststörung. Und doch hat sie sich nie „kleinkriegen“ lassen von ihren Schwierigkeiten, wie sie erzählt. Was ihr wesentlich dabei geholfen habe, sei ihre Kunst. Mit kräftigen bunten Farben, ausdrucksstarken Figuren und Sprechblasen bringt sie ihre Gefühle schon seit Jahren auf Papier. Auch jetzt – während der Isolation der Corona-Zeit – habe sie wieder täglich viele Stunden gemalt, erzählt Anita. „Über Angst zu reden ist sehr schwer“, weiß sie. „Aber wenn ich meine Gefühle auf einem Bild ausdrücke, kann ich mit anderen darüber in Verbindung kommen.“

Wege aus

der Angst

Ängste verstecken sich gerne und machen häufig einsam. Warum es so wichtig ist, sich mit seiner Angst zu befreunden und den Austausch mit anderen zu riskieren.
Martha P. ist im Waldviertel aufgewachsen und beschreibt sich rückblickend als lebhaftes und mutiges Mädchen. Sie ging offen auf andere Menschen zu, war eher wild und laut. „Im Alter von 14 Jahren kippte das“, erzählt Martha. Immer ruhiger und introvertierter sei sie geworden. „Vor allem in der Oberstufe wurde es schwerer für mich, mich im Kontakt mit anderen wohlzufühlen“, erzählt die heute 35-Jährige im Rückblick. „Ich wurde extrem reizempfindlich. Manchmal reichte es, wenn zuhause ein Sonnenstrahl durch die Jalousien auf mich fiel, um massive Spannungszustände auszulösen.“ Ihr Alltag sei bald von Spannungskopfschmerzen und schlechtem Schlaf geprägt gewesen. Die Geräusche ihrer Mitschüler begannen sie zu überfordern. „Es kam ein Punkt, da hielt ich es nicht mehr aus, wenn jemand mit dem Fuß neben mir wippte“, erzählt sie und fügt hinzu: „Am Ende der Maturaklasse war Schule nicht mehr machbar.“ Martha hatte Glück: Als guter Schülerin ermöglichten es ihr die Lehrer, die letzte Klasse von zuhause aus fertig zu machen, danach folgte ein stationärer Aufenthalt, der mehr Klarheit bringen sollte.

Erfahrungen wie die von Martha sind keine Seltenheit. Oft dauert es Jahre, bis sich Betroffene von Angsterkrankungen in Behandlung begeben. Bis es zur richtigen Diagnose kommt, fühlen sie sich körperlich und seelisch schlecht – häufig ohne zu wissen warum.

Das Versteckspiel der Angst

„Wer Angst hat, neigt dazu, diese über lange Zeit zu verdrängen oder anders abzuwehren“, weiß auch der in der Schweiz tätige deutsche Psychologe Andreas Knuf zu berichten. Zu schambesetzt sei das Gefühl, zu wenig gesellschaftlich akzeptiert. Und: Angst hat die Tendenz, sich hinter anderen Gefühlen zu verstecken. „Meistens ist das primäre Gefühl ein eher weiches Gefühl wie Traurigkeit, Verletzlichkeit, Scham oder Angst. Es wird durch ein dominanteres Gefühl überdeckt. Oft ist es Ärger“, schreibt Knuf in seinem Gefühlsratgeber „Ruhe, ihr Quälgeister“. Warum Menschen besonders leicht auf die Wut hereinfallen, erklärt der Psychologe so: „Wut ist wesentlich energetischer als Angst. Wer wütend ist, fühlt sich mächtiger und lebendiger als jemand, der Angst hat, sich hilflos oder ohnmächtig fühlt.“

Das Versteckspiel der Angst

„Wer Angst hat, neigt dazu, diese über lange Zeit zu verdrängen oder anders abzuwehren“, weiß auch der in der Schweiz tätige deutsche Psychologe Andreas Knuf zu berichten. Zu schambesetzt sei das Gefühl, zu wenig gesellschaftlich akzeptiert. Und: Angst hat die Tendenz, sich hinter anderen Gefühlen zu verstecken. „Meistens ist das primäre Gefühl ein eher weiches Gefühl wie Traurigkeit, Verletzlichkeit, Scham oder Angst. Es wird durch ein dominanteres Gefühl überdeckt. Oft ist es Ärger“, schreibt Knuf in seinen Gefühlsratgeber „Ruhe, ihr Quälgeister“. Warum Menschen besonders leicht auf die Wut hereinfallen, erklärt der Psychologe so: „Wut ist wesentlich energetischer als Angst. Wer wütend ist, fühlt sich mächtiger und lebendiger, als jemand, der Angst hat, sich hilflos oder ohnmächtig fühlt.“

Jeder fürchtet sich anders

Der Psychiater und Universitätsprofessor Siegfried Kasper fügt hinzu, dass die Ausformungen der Angst auch stark von der jeweiligen Geschlechtszugehörigkeit geprägt seien. „Bei Männern kommt es bedingt durch das Hormon Testosteron eher zu Ärger-Attacken“, sagt Kasper. Diese würden häufig erst spät als Ausdruck der Angst erkannt. „Das männliche Angstverhalten ist häufig mehr durch die Modi Kämpfen und Flüchten geprägt“, so der Facharzt. Auch Sabine Sammer-Schreckenthaler, psychoanalytische Psychotherapeutin aus Wien, beobachtet, dass in ihrer Praxis gehäuft junge Frauen um die 30 sitzen, die aufgrund von Panikattacken zu ihr kommen. „Ich glaube, es ist eine Frage der Sozialisierung, dass Frauen mehr zu Angsterkrankungen neigen“, sagt Sammer-Schreckenthaler. Schon früh würde kleinen Mädchen beigebracht, sich eher ruhig und angepasst zu verhalten, laute Gefühle nicht in der großen Runde zu zeigen. „Das führt dazu, dass Frauen ihre schlechten Gefühle eher gegen sich als nach außen richten.“ Nicht selten würde eine Angsterkrankung also auf einer früh gelernten Aggressionshemmung basieren. „Frauen müssen oft erst mühsam lernen, ihre Stimme zu erheben und für sich einzutreten“, sagt die Psychoanalytikerin.

Eigene Verletzlichkeit akzeptieren

Wie schwer Angst als solche zu erkennen ist, erlebte auch Martha. Statt der Angst spürte sie häufig eine große innere Wut und Anspannung. Erst im Laufe einer längeren Therapie habe sie gelernt, ihre weichen Gefühle und ihre Verletzlichkeit mehr wahrzunehmen und Schritt für Schritt zu akzeptieren. Und es zeigte sich, dass Marthas Ängste und Panikattacken nicht ohne Grund waren. Je mehr sie ihrer Therapeutin vertraute, desto mehr konnte sie auch traumatische Erlebnisse aus ihrer Kindheit aufarbeiten. Für Martha geht es heute dennoch nicht darum, Vergangenes ein für alle Mal hinter sich zu lassen. „Am zufriedensten ist man, wenn man sich mit seiner Verletzlichkeit und all seinen Gefühlen akzeptieren kann“, weiß die junge Frau, die mittlerweile ausgebildete Ergotherapeutin ist und in ihrem Podcast „Hoffnung hilft heilen“ über seelische Gesundheit spricht.

Angstbewältigung als Schlüsselqualifikation

In der Tat sind Angsterkrankungen häufig keine Angelegenheit, die sich wie eine Grippe für immer auskurieren lässt. Unterschiedliche Lebensphasen können Ängste erneut auslösen. Dennoch hat, wer sich einmal mit seiner Angst befasst hat, gute Chancen, auch schlechte Phasen rascher zu überwinden. „Angstbewältigung sollte zur Schlüsselqualifikation werden“, sagt dazu der Soziologe Ulrich Beck in seinem Buch „Risikogesellschaft“. Auch Martha rät dazu, sich mit der eigenen Angst zu „befreunden“, anstatt ihr aus dem Weg zu gehen. Die Ergotherapeutin spricht aus eigener Erfahrung, denn auch bei ihr kommen die Ängste phasenweise wieder und fordern zu neuerlicher Auseinandersetzung auf.

Austausch mit Anderen

„Ein wesentlicher Schritt für mich war, mich mit anderen über meine Gefühle auszutauschen“, erzählt sie im Rückblick. „Im Rahmen eines Psychiatrieaufenthalts machte ich die wertvolle Erfahrung, mit den meisten Dingen nicht allein zu sein. Zu erleben, dass ich Unterstützung bekomme und mit meiner Verletzlichkeit akzeptiert und angenommen werde, war sehr heilsam für mich“, sagt Martha.

Warum Freunde und Familie so wichtig sind

Der Austausch mit anderen Betroffenen hilft nicht nur das Gefühl der Isolation zu verringern, Experten halten Angehörige und Freunde auch aufgrund ihrer Ampelfunktion für die Zukunft für besonders wichtig. „Familienangehörige sehen möglicherweise als Erste, wenn wieder Symptome auftauchen oder Verhaltensänderungen eintreten“, sagt Knuf. So könnten Betroffene rechtzeitig ermutigt werden, sich zum Beispiel neuerlich Hilfe zu suchen. Denn oft ist es nicht so einfach, auftretende Vermeidungsstrategien selbst sofort zu bemerken, weiß auch Martha. „Manche Mechanismen, um die Angst nicht wahrzunehmen, greifen so automatisch, dass es schwierig ist, das selbst zu bemerken. Wertschätzendes Nachfragen und Aufmerksammachen von anderen kann da sehr hilfreich sein.“

Warum Freunde und Familie wichtig sind

Der Austausch mit anderen Betroffenen hilft nicht nur das Gefühl der Isolation zu verringern, Experten halten Angehörige und Freunde auch aufgrund ihrer Ampelfunktion für die Zukunft für besonders wichtig. „Familienangehörige sehen möglicherweise als Erste, wenn wieder Symptome auftauchen oder Verhaltensänderungen eintreten“, sagt Knuf. So könnten Betroffene rechtzeitig ermutigt werden, sich zum Beispiel neuerlich Hilfe zu suchen. Denn oft ist es nicht so einfach, auftretende Vermeidungsstrategien selbst sofort zu bemerken, weiß auch Pany. „Manche Mechanismen, um die Angst nicht wahrzunehmen, greifen so automatisch, dass es schwierig ist, das selbst zu bemerken. Wertschätzendes Nachfragen und aufmerksam machen von anderen kann da sehr hilfreich sein.“

Medikamente ziehen

der Angst den Stachel

Um der Angst das erste Mal ins Auge sehen zu können, sind häufig Medikamente nötig. Sie reduzieren die allzu heftige Symptomatik. Welche Substanzgruppen es gibt und auf welche Nebenwirkungen zu achten ist.
Die beste Methode, sich selbst zu „medikamentieren“, sind zwei bis drei Bier gleich zu Beginn des Fortgehens. Das hatte Klaus R., Anfang 20, rasch erkannt, als er Zivildienst machte und eben dabei war, das andere Geschlecht zu entdecken. Heute ist Klaus über 40, hinter sich hat er eine jahrzehntelange „Angst-Karriere“. Vor etwas weniger als zehn Jahren schrieb er sogar einen Erfahrungsbericht über seine soziale Phobie. Was darin zu lesen steht, ist starker Tobak – Sucht und sozialer Absturz, aber immer wieder auch aufstehen, weitermachen, lernen, an sich arbeiten. R. hat heute ein Doktorat, einen Job, und er hat eine Frau, die ihm trotz vieler Schwierigkeiten schon lange beiseitesteht. Ein erster Schritt aus der Angst gelang ihm, als er während des Studiums auf Antidepressiva eingestellt wurde. „Ziel des Medikaments ist es, die Angst und die Depression zu reduzieren, sodass man beispielsweise leichter in angstbesetzte Situationen hineingehen kann, um zu üben“, schreibt Klaus in seinem Buch. „Es geht darum, sich zu konfrontieren und eine Situation überhaupt aushalten zu können.“

Ein erprobtes Paar: Medikamente und Psychotherapie

Was Klaus schreibt, wird durch die gängige Fachmeinung bestätigt. Angstpatienten profitieren am meisten von einer Kombination aus medikamentöser Behandlung und psychotherapeutischer Begleitung. „Ich bin der Meinung, dass Angstpatienten möglichst rasch Medikation bekommen sollten“, sagt der Psychiater und emeritierte Universitätsprofessor der MedUni Wien Siegfried Kasper und fügt hinzu: „Die Angst muss so schnell wie möglich wieder weg. Sie ist Gift fürs Gehirn.“ Je länger sie anhalten würde, desto mehr Bahnen würden im Gehirn besetzt. Betroffene sollten – auf Basis der Medikamente – daher auch mindestens ein Jahr symptomfrei sein, um ein Umlernen zu ermöglichen. „Die Angst muss erst wieder verlernt werden“, so Kasper. Dies kann im Rahmen einer Psychotherapie geschehen.

Abklärung von Komobiditäten im Vorfeld wesentlich

Bevor es zur medikamentösen Behandlung kommt, gelte es abzuklären, ob es sogenannte Komorbiditäten, das heißt parallel auftretende Erkrankungen gibt. „Ängste sind besonders häufig in Kombination mit Depressionen zu finden“, erklärt der Facharzt. Dementsprechend unterschiedlich würde auch die medikamentöse Behandlung ausfallen.

Antidepressiva bei Angststörung

„Am häufigsten kommt bei Angsterkrankungen die Gruppe der sogenannten Antidepressiva zum Einsatz“, sagt Siegfried Kasper. Fachleute gehen heute davon aus, dass bei Depressionen und Angsterkrankungen die Nervenübertragung durch die sogenannten Botenstoffe Serotonin und Noradrenalin gestört ist. Antidepressiva setzen hier an. Sie sollen den Abbau von Serotonin und Noradrenalin verlangsamen. „Auch innerhalb der Antidepressiva lassen sich mehrere Gruppen unterscheiden“, sagt Kasper. „Solche, die eher eine beruhigende, und solche, die eher eine antriebssteigernde Wirkung haben.“ Am weitesten verbreitet sind heute die beiden Gruppen der SSRIs (Selektive Serotoninwiederaufnahmehemmer) und SNRIs (Selektive Noradrenalinwiederaufnahmehemmer). „Der Vorteil moderner SSRIs ist, dass keinerlei Suchtgefahr besteht“, sagt der Psychiater. Einzig die Nebenwirkungen seien von Patient zu Patient verschieden. Diese können von einer anhaltend sedierenden Wirkung über Gewichtszunahme bis zu sexueller Dysfunktion reichen. „In den meisten Fällen kommt es durch die Gabe von SSRIs anfangs sogar zu einer Zunahme der Angst“, sagt der emeritierte Universitätsprofessor. In dieser Eingewöhnungsphase würden daher häufig zusätzlich Benzodiazepine verschrieben. Außerdem sei die langsame Dosissteigerung besonders wichtig.

Vorsicht bei Benzodiazepin!

Selten, aber doch können auch in akuten Phasen der Angsterkrankung Beruhigungs- und Schlafmittel zum Einsatz kommen – dazu zählen unter anderem die Benzodiazepine. „Hier ist große Vorsicht geboten“, sagt Psychiater Michael Musalek, ärztlicher Direktor des Anton Proksch Instituts Wien. „Denn Benzos wirken bei Angstpatienten extrem gut.“ Gefährlich sei vor allem ihr großes Abhängigkeitspotenzial. Nehmen ältere Personen diese Substanzgruppen, können noch weitere ungünstige Nebenwirkungen hinzukommen, wie der Abfall kognitiver Leistungen, die Neigung zu Stürzen und Inkontinenz.

Medikation im Alter

Die Medikation von Angsterkrankungen bei älteren Personen sei generell heikel, meint Musalek, wären Angst und Depression hier doch häufig schwer zu unterscheiden. „Steht die depressive Verstimmung im Vordergrund, sind SSRIs das Mittel der Wahl“, so der Facharzt. Hierbei müsse besonders darauf geachtet werden, Präparate mit wenig Interaktion zu verschreiben, da die Betroffenen oft schon viele andere Medikamente nehmen würden. Dies sei jedoch aufgrund der langjährigen Erfahrung mit diesen Substanzgruppen mittlerweile gut möglich, erklärt Musalek. „Das bei Weitem größere Problem ist die Stigmatisierung vieler Psychopharmaka“, sagt der Leiter des Anton Proksch Instituts. Gerade ältere Menschen seien daher zurückhaltender, was die Einnahme von Psychopharmaka betrifft. Pflanzliche Mittel können hier den Einstieg in die Behandlung erleichtern.

Heilmittel der Natur

Dass die Vergabe von pflanzlichen Präparaten heute nicht nur in der Geriatrie State of the Art ist, bestätigt ebenso Universitätsprofessor Siegfried Kasper. „Jedoch nur dann, wenn die Extrakte standardisiert überprüft wurden“, fügt Kasper hinzu. Dies sei bisher nur bei einem bestimmten Lavendelöl-Präparat der Fall. Diese frei in der Apotheke verfügbaren Produkte seien in der Corona-Zeit verstärkt nachgefragt gewesen, weiß der Grazer Apotheker Helge Oswald. Bei leichten Symptomen, wie ständigem Grübeln oder Nervosität, empfehlen er und seine Kollegen diese auch gerne von sich aus. Die Rückmeldungen seien durchwegs positiv gewesen, so Oswald. Kaum jemand habe keine Verbesserung gespürt.

Unterstützung durch die Apotheke

Die meisten Apotheker hätten ein gutes Sensorium für Personen mit Angsterkrankungen, weiß Oswald zu berichten. Oswald ermutigt Menschen, diesen niederschwelligen Zugang zu Unterstützung zu suchen. „Vielen Menschen tut allein das Gespräch mit uns gut, und wir können weitere Hilfsmöglichkeiten aufzeigen“, sagt Oswald. Der erste Schritt aus der Isolation der Angst sei dann vielleicht schon getan.

Angst umlernen –

die Kraft der Psychotherapie

Während Medikamente wie Krücken durch schwierige Zeiten hindurchhelfen, sollen mithilfe der Psychotherapie längerfristig die inneren Programme verändert werden. Welche unterschiedlichen Herangehensweisen es gibt und was Betroffenen helfen kann.
„Die Zeiten, als sich analytischer Zugang und Verhaltenstherapie wesentlich unterschieden, sind vorbei“, sagt Hans Morschitzky, Verhaltenstherapeut aus Linz und Autor zahlreicher Bücher zum Thema Angsterkrankungen. Zwar sei es nach wie vor so, dass analytisch orientierte Therapeuten mehr bei der Ursachenforschung ansetzen würden, dennoch würde heute kein Verhaltenstherapeut mehr die Vergangenheit ausklammern, so Morschitzky. „Gute Therapeuten arbeiten alle recht ähnlich“, sagt der Fachmann. In der Tat sind sich die meisten Psychotherapeuten heute einig, dass es für den Erfolg einer Therapie in erster Linie die stimmige Beziehung zwischen Therapeuten und Klienten braucht. Wer sich zum Erstgespräch entscheidet, tut also gut daran, beim Kennenlernen auf das eigene Bauchgefühl zu hören. „Ein Klient muss sich in erster Linie wohlfühlen bei seinem Therapeuten“, sagt auch die analytische Psychotherapeutin Sabine Sammer-Schreckenthaler.

Ursachenforschung und Psychoedukation

Und doch erwarten Klienten bei Hans Morschitzky und Sabine Sammer-Schreckenthaler möglicherweise unterschiedliche Herangehensweisen. „Verhaltenstherapeuten gehen sehr strukturiert nach Plan vor“, sagt Morschitzky. „Wir versuchen das Problem mit dem Klienten zu analysieren, etwa seine Angst, um danach die geeigneten Schritte zu planen.“ In seiner Praxis gehe es also viel um Psychoedukation. Dies bedeute, den Betroffenen konkrete Hilfsmittel für schwierige Situationen an die Hand zu geben.

Tiefenpsychologische Schulen versuchen mit ihren Klienten zuerst an die Wurzeln der Angst zu kommen, ein Prozess, der viele Jahre in Anspruch nehmen kann. „Im Gespräch umkreisen wir die Angst immer wieder und versuchen uns auch der Angst-Geschichte einer Klientin anzunähern“, sagt Sabine Sammer-Schreckenthaler. Egal welche Richtung ein Klient aber letztlich wählt, „man kommt nicht darum herum, sich der Angst auch real zu stellen“, weiß die Analytikerin.

Freude ist die stärkste Medizin

Um dies zu ermöglichen, braucht es häufig längere Vorarbeit, sagt Hans Morschitzky. „Der Grund dafür, etwas zu tun, muss schwerer wiegen als die Angst“, so der Therapeut und fügt hinzu: „Freude ist die stärkste Medizin gegen Angst.“ Der Fachmann würde daher häufig mit seinen Klienten daran arbeiten, innere Bilder der Vorfreude, Neugier und Begeisterung zu entwickeln. „Wenn ein Mensch sich zum Beispiel vor einer Vortragssituation fürchtet, hilft es, sich zuerst seine destruktiven inneren Bilder anzusehen und danach andere, positive entstehen zu lassen.“ Wer etwa weiß, warum er einen Auftritt bestreiten möchte, und anstatt der Katastrophe des Vortrags ein inneres Bild der eigenen Kompetenz entwickeln kann, hat schon viel gewonnen.

Ursachenforschung und Psychoedukation

Und doch erwarten Klienten bei Hans Morschitzky und Sabine Schreckenthaler möglicherweise unterschiedliche Herangehensweisen. „Verhaltenstherapeuten gehen zumeist sehr strukturiert nach Plan vor“, sagt Morschitzky. „Wir versuchen das Problem mit dem Klienten zu analysieren, etwa seine Angst, um danach die geeigneten Schritte zu planen.“ In seiner Praxis gehe es also viel um Psychoedukation. Dies bedeute, den Betroffenen konkrete Hilfsmittel für schwierige Situationen an die Hand zu geben. „Ich erkläre Menschen, wie sie zum Beispiel in der Panikattacke am besten klarkommen. Das heißt: Bleiben Sie ruhig, machen Sie Bewegung, um das Adrenalin abzubauen, lenken Sie die Aufmerksamkeit auf Ihre Umwelt und wehren Sie sich nicht.“ Tiefenpsychologische Schulen versuchen mit ihren Klienten zuerst an die Wurzeln der Angst zu kommen, ein Prozess, der viele Jahre in Anspruch nehmen kann. „Im Gespräch umkreisen wir die Angst immer wieder und versuchen uns auch der Angst-Geschichte einer Klientin anzunähren“, sagt Sabine Schreckenthaler. Egal welche Richtung ein Klient aber letztlich wählt, „man kommt nicht darum herum, sich der Angst auch real zu stellen“, weiß die Analytikerin.

Freude ist die stärkste Medizin

Um dies zu ermöglichen, braucht es häufig längere Vorarbeit, sagt Hans Morschitzky. „Der Grund dafür, etwas zu tun, muss schwerer wiegen, als die Angst“, so der Therapeut und fügt hinzu: „Freude ist die stärkste Medizin gegen Angst.“ Der Fachmann würde daher häufig mit seinen Klienten daran arbeiten, innere Bilder der Vorfreude, Neugier und Begeisterung zu entwickeln. „Wenn ein Mensch sich zum Beispiel vor einer Vortragssituation fürchtet, hilft es, sich zuerst seine destruktiven inneren Bilder anzusehen und danach andere, positive entstehen zu lassen.“ Wer etwa weiß, warum er einen Auftritt bestreiten möchte und anstatt der Katastrophe des Vortrags ein inneres Bild der eigenen Kompetenz entwickeln kann, hat schon viel gewonnen.

Dem Körper die Angst nehmen

Da die negativen Gefühle bei Menschen mit „Angst-Biografien“ in den Körper eingebrannt seien, wäre es von besonderer Bedeutung, neue Erfahrungen zu machen. „Früher sprachen wir von Umlernen, heute gehen wir davon aus, dass es sich um ein Neulernen handelt, das alte Bahnen im Gehirn überschreibt“, sagt der Psychologe Morschitzky. Das Neue möglichst oft tun, heißt daher sein Credo. Dieses Vorgehen wird mittlerweile auch durch die Hirnforschung gestützt. „Ich sehe Angst wesentlich als ein Stressphänomen“, sagt Morschitzky, „bei dem Adrenalin, Noradrenalin oder Cortisol ausgeschüttet werden.“ Um dem auf neurobiologischer Ebene etwas entgegenzusetzen, brauche es Dopamin oder das Bindungshormon Oxytocin. Daher sei es häufig auch ratsam, angstbesetzte Dinge mit anderen gemeinsam zu tun, so Morschitzky. „Wenn Sie Angst haben zu verreisen, machen Sie eine Zugfahrt gemeinsam mit einem guten Freund. Schaffen Sie es, schüttet Ihr Körper nicht nur Dopamin aus, sondern – aufgrund der geteilten Freude – auch Oxytocin.“

Freude, Flow und Selbstvertrauen

Zuletzt geht es in jeder Psychotherapie auch darum, „längerfristig das Selbstvertrauen wieder aufzubauen“, weiß Sabine Sammer-Schreckenthaler, denn viele Betroffene würden sich durch die jahrelangen Einschränkungen schwach und unzulänglich fühlen. „Es geht darum zu lernen, dass man auch mit der Erkrankung ein wertvoller Mensch ist“, sagt die Expertin. Doch wie gelingt das? Freude und „Flow-Erlebnisse“ sind zwei Ansatzpunkte. Um derartige Erlebnisse zu festigen, lohnt es sich, ein Glückstagebuch zu führen. Und: „Jeder Mensch kann sich Gutes tun. Es reicht, einmal am Tag eine halbe Stunde an der frischen Luft spazieren zu gehen, Yoga zu machen oder mit Freunden zu sprechen“, sagt Sammer-Schreckenthaler.

Angst im Alter

ist keine Schande

Angsterkrankungen im Alter bleiben häufig unerkannt. Körperliche Symptome verschleiern das eigentliche Problem. Worauf Betroffene und Angehörige achten sollten und wie Medikamente, Psychotherapie und Selbsthilfe unterstützen können.
Wenn Gertrude H. abends ins Bett geht, denkt sie voller Sorgen an die Nacht. Werden ihr Hitzewallungen den Schlaf rauben? Oder kann es auch wieder einmal eine sorglose Nacht geben? Die knapp 70-jährige pensionierte Lehrerin hat schon vieles probiert, um ihre Schlafstörungen in den Griff zu bekommen. „Ich habe fast zwei Jahre lang damit verbracht, meinen Körper immer wieder durchchecken zu lassen“, erzählt die Niederösterreicherin. Vom Internisten bis zum Zellspezialisten habe sie alle Fachleute, die ihr im Bekanntenkreis empfohlen wurden, aufgesucht. Nicht nur die Schlafstörungen und die Nachthitze quälen sie seit ihrer Pensionierung. Immer wieder hat sie auch das Gefühl, ihre Beine würden sie nicht tragen, sobald sie einen Schritt vor die Haustür macht. „Ich habe begonnen, meinen Radius immer mehr einzuschränken“, erzählt Gertrude. Schleichend sei das gegangen. Von den geliebten Kaffeehausbesuchen in der Innenstadt und den Treffen mit Freundinnen im Bad sei am Ende nur mehr der allernotwendigste Gang zum Supermarkt ums Eck geblieben.

Im Alter werden Ängste reaktiviert

Menschen wie Gertrude gibt es viele, denn Angsterkrankungen im Alter schlummern häufig im Verborgenen und werden selbst von Ärzten oft lange nicht erkannt. „In vielen Fällen überdecken körperliche Symptome die ursprüngliche Problematik“, erzählt Psychiater Michael Musalek, Leiter des Anton Proksch Instituts Wien. Im Alter gäbe es drei Faktoren, die das Entstehen von Depressionen und Angsterkrankungen begünstigen würden. „Je älter wir werden, desto mehr Verluste im Freundes- und Bekanntenkreis erleben wir; das belastet“, sagt Musalek. Dazu kämen eigene körperliche Krankheiten oder Schmerzen sowie „das Bewusstwerden der eigenen Endlichkeit“. Wer von Haus aus ängstlich war oder vielleicht schon früher einmal an einer Angsterkrankung litt, fällt dann leicht zurück in die alten Schwierigkeiten.

Die Kraft der menschlichen Nähe

Auch Gertrude hat ihre Pensionierung wie einen Schock erlebt. Auf einmal wurde sie – die Lehrerin aus Leidenschaft – scheinbar nicht mehr gebraucht. Ihr einziger Sohn lebt in Wien. „Einsamkeit und die Frage, bin ich noch etwas wert, wenn ich nicht mehr so viel leiste, sind große Themen“, weiß Musalek. Wer im Alter sozial gut eingebunden ist, hat in jedem Fall einen Vorteil und ist dadurch möglichweise resilienter. „Wertschätzende menschliche Nähe kann helfen, Ängste zu reduzieren“, sagt der Facharzt und gibt den konkreten Tipp, sich möglichst vor dem 60. Lebensjahr um die Pflege der eigenen Beziehungen zu kümmern.

Wie wichtig menschliche Nähe ist, hat die Forschung mittlerweile mehrfach belegt. So beschreibt etwa der bekannte Hirnforscher Gerald Hüther in seinem Buch „Wege aus der Angst. Wie aus Stress Gefühle werden“ ein Experiment, das Forscher mit Affen machten. Um ein neues Präparat gegen Angst zu testen, setzte man zuerst einen einzelnen Affen in einen Käfig, der von einem knurrenden Hund umkreist wurde. Sofort zeigte der Affe typische Angstsymptome und der Stresshormonspiegel in seinem Blut stieg an. Daraufhin holten die Forscher einen zweiten Affen in den Käfig. Beide Tiere gemeinsam wiesen in Anwesenheit des bellenden Hundes keinerlei Stressreaktion auf. Freundschaft und Partnerschaft zählen zu den wichtigsten Mitteln gegen Angst und Stress bei sozial organisierten Säugetieren – so der Schluss der Wissenschaft.

Selbsthilfe als Königsweg

Selbsthilfegruppen gelten daher als besonders hilfreich für Menschen mit Angsterkrankungen. Für die amtierende Obfrau des Clubs D&A (Depression und Angst) Wien, Margareta Kalemba-Holzgethan, ist die Entscheidung, sich in die Gruppen zu wagen, bereits der erste Schritt in Richtung Heilung. „Zu uns kommen Menschen jeden Alters“, sagt die Psychotherapeutin und fügt hinzu: „Die Vielzahl der Meinungen und Lebenserfahrungen macht die Gruppen so besonders.“ Gefragt, warum sie die Arbeit mit Selbsthilfegruppen schätze, sagt die ausgebildete Logotherapeutin: „Auch ich lerne noch immer unglaublich viel von den Teilnehmern.“ Und: „Es ist immer wieder berührend zu sehen, wie heilsam die Gruppe sein kann.“ Dabei gibt sie ein Beispiel: „Wenn jemand zu uns kommt, der sehr weit von seinen Gefühlen entfernt ist, kann es sein, dass er durch die Erzählungen der anderen bemerkt, was er bei sich alles weggesperrt hatte. Ich erinnere mich an einen ausgebrannten Mann, der nach einem dreiviertel Jahr im Club D&A sagte: Jetzt spüre ich, dass ich auch wütend bin.“ Das habe alle Gruppenteilnehmer berührt, so Kalemba-Holzgethan.

Angst ist keine Schande

Auch Gertrude hat den Weg in die Selbsthilfegruppe gefunden. Nicht sofort. „Etwas widerwillig“, wie sie erzählt, habe sie zuerst Medikamente genommen. „Der Einstieg über pflanzliche Produkte ist mir leichter gefallen.“ Danach habe sie auf das Drängen ihres Sohnes eine Psychotherapie begonnen. „Auch das wollte ich nicht“, sagt sie heute lachend. „Ich dachte mir: Ich bin doch nicht verrückt.“ Lange habe es gebraucht, bis sie sich selbst eingestehen konnte, dass große Ängste keine Schande sind. Selbst einfachste Tipps konnte sie schwer annehmen. Zu Beginn fiel es ihr schwer, sich zu motivieren. „In der Psychotherapie habe ich gelernt, dass das Teil der Erkrankung ist“, sagt Gertrude heute.

Die Zukunft gestalten

Der Schritt in die Gruppe habe also mehrere Jahre gedauert. „Selbsthilfe ist dann sinnvoll und zielführend, wenn eine Person so weit ist“, bestätigt auch die psychoanalytische Psychotherapeutin Sabine Sammer-Schreckenthaler aus Wien. Im Falle der Angst könne dies, wie auch bei Gertrude, einige Jahre dauern, denn wer mit einer sozialen Angst eine Gruppe besucht, hat die Angst quasi besiegt. Mittlerweile ist Gertrude so weit, dass sie sich sogar die Moderation einer eigenen Gruppe vorstellen könnte – wer weiß, vielleicht klappt das ja bald. Vorerst „übt“ sie noch, allein mit dem Zug nach Wien zu fahren, um ihren Sohn und das Enkelkind dort öfters besuchen zu können.

Resilienz: Warum es sich lohnt,

biegsam zu werden

Resilienz ist wie der Grashalm im Wind, besagt eine Metapher. Er biegt sich sanft zur Seite, anstatt zu brechen. Was macht Menschen zu „flexiblen“ Individuen, die immer wieder aufstehen – selbst nach schweren Krisen?
Wenn es um Resilienz geht, erzählt die deutsche Neurowissenschaftlerin und klinische Psychologin Leonie Ascone Michelis gerne aus der eigenen Erfahrung, denn – so ihre Überzeugung – Resilienz lässt sich immer auch bis zu einem gewissen Grad lernen. „Früher musste ich jeden Vortrag penibel vorbereiten und hatte große Angst, dass man mich für weniger kompetent als alle anderen halten könnte“, erzählt Ascone Michelis. Durch das Erlernen von Achtsamkeitstechniken habe sie Abstand zu diesem Verhalten und den dazugehörigen Angstgedanken gewonnen und sei dadurch resilienter geworden. „Mittlerweile improvisiere ich manche Vorträge sogar vollständig und habe festgestellt, dass es keinen so großen Unterschied macht“, sagt die Forscherin. Was sie privat erlebt hat und beruflich beforscht, ist nichts anderes als die Frage der psychischen Widerstandskraft eines Individuums, um den verschiedensten biologischen, psychologischen und sozialen Risiken gut begegnen zu können. Der Begriff Resilienz stammt aus dem Lateinischen. „Resilere“ bedeutet „abprallen“. Resiliente Personen reagieren flexibel auf schwierige Lebensumstände und meistern Stresssituationen erfolgreicher als nicht-resiliente.

Resilienz ist (auch) erlernbar

Laut der Hamburger Psychologin Leonie Ascone Michelis, die am Universitätsklinikum Eppendorf zu neuronaler Plastizität forscht, fußt Resilienz auf drei Faktoren: der genetischen Disposition, der sozialen Prägung und dem politisch-gesellschaftlichen Umfeld, in dem sich ein Mensch befindet. „Jeder Mensch bringt eine neuronale Grundausstattung mit, die mehr oder weniger günstig sein kann“, so die Forscherin. Hierzu zählt zum Beispiel das Temperament eines Menschen. „Personen mit hohen Stimmungsschwankungen haben es schwerer, eine hohe Resilienz zu entwickeln“, sagt Ascone Michelis. Wie sich diese Veranlagung konkret entwickelt, hängt jedoch stark vom sozialen Umfeld eines Menschen ab. „Da wir mittlerweile wissen, dass Gene durch Umwelteinflüsse veränderbar sind, spielen vor allem die ersten Lebensjahre eines Menschen eine große Rolle“, sagt Ascone Michelis. Hierbei würde es jedoch nicht um einzelne Erlebnisse in der Kindheit an sich gehen, sondern eher um die allgemeine Atmosphäre in der Beziehung, in der ein Kind aufwächst.

Emotionskompetenz von klein auf macht resilient

Die Entwicklung von Angsterkrankungen bei Kindern wird häufig durch den Umgang des Umfeldes beeinflusst wird. Ängstliche Kinder werden möglicherweise – unabhängig von ihrer jeweiligen Lebenssituation – später zu Ängsten neigen. Haben sie jedoch früh gelernt, dass es sich dabei um keinen Beinbruch handelt und man auch mit Ängsten leben kann, ist schon vieles gewonnen. Dies ist auch der Punkt, an dem Psychotherapie ansetzen kann, denn frühe Beziehungserfahrungen – das ist heute wissenschaftlich belegt – lassen sich auch im Nachhinein zu einem Teil überschreiben.

Mit Achtsamkeit aus Grübelschleifen aussteigen

„Durch Psychotherapie können auch Erwachsene ihre eigene Resilienz fördern“, sagt Ascone Michelis. Was bedeutet das konkret in Bezug auf Angsterkrankungen? „Bei den allermeisten Angsterkrankungen liegen ,Denkverzerrungen‘ vor. Das heißt: Risiken und potenzielle negative Folgen werden deutlich überschätzt!“ erklärt Ascone Michelis. Gemeint sind damit etwa Denkstile wie Katastrophisieren, Schwarz-Weiß-Denken, Alles-oder-nichts-Denken oder Grübeln. „Hier sollte vor allem beim Grübeln angesetzt werden“, sagt Ascone Michelis und fügt hinzu: „Zunächst muss die Erkenntnis stehen: Viele Dinge im Leben, wenn nicht sogar die meisten, vor allem aber Dinge, die außerhalb unserer selbst liegen, können wir nicht kontrollieren. Wird man sich bewusst über die Tatsache, dass Grübeln einen Kontrollversuch darstellt, der allerdings ins Leere läuft und sogar auf Kosten der eigenen Schöpferkraft und Fähigkeit zum konstruktiven Problemlösen geht, ist ein erster Schritt gemacht.“ Dies bedeutet, man kann durch das Erlernen neuer Emotionsregulations- und Denkstrategien auch resilienter werden! Achtsamkeitspraxis ist kein Medikament, das von heute auf morgen wirkt. Längerfristig kann sie jedoch zum wesentlichen Baustein für einen besseren Umgang mit den eigenen Ängsten werden.

Alltag mit Angst oder

„Der Angst den Stinkefinger zeigen“

Angst kann zum Lebensbegleiter werden – das weiß auch die 30-jährige Jana F. Wie viele Betroffene hat sie über zwei Jahrzehnte mit ihrer Angst gelebt – in einem Auf und Ab von guten und schlechten Episoden. Der phasenhafte Verlauf macht die Feststellung einer Angsterkrankung oft besonders schwer. Ein Erfahrungsbericht.
Wenn sich Jana etwas wünscht, dann ist es, der Angst den „Stinkefinger“ zu zeigen. Zu lange haben Ängste ihr Leben immer wieder dominiert, findet die 30-jährige Biologie-Studentin aus Wien. Für Jana ist das Leben mit Angst der „Normalzustand“. „Ich war schon als Kind auffällig ängstlich“, erzählt die junge Frau, die im Gespräch recht souverän und „tough“ wirkt. Schon in der Volksschule habe sie sich zum Beispiel extreme Sorgen um ihre Schwester und ihre Eltern gemacht. „Ich habe oft befürchtet, dass sie nicht mehr nach Hause kommen oder schwer erkranken könnten“, erzählt Jana im Rückblick. Bis heute ist „Krankwerden“ ihr „Angstthema“. Mittlerweile geht es jedoch um sie selbst.

Immer alarmbereit

Meldet der Körper eine Veränderung oder taucht ein unerwarteter Schmerz auf, so läuten bei Jana sofort die Alarmglocken. Während sich andere bei Bauchschmerzen einen Tee kochen, geht Jana von Schlimmerem aus. Könnte es Krebs sein, fragt sie sich dann und ein zermarterndes Gedankenkarussell beginnt. Was folgt, ist nicht selten ein kleiner Ärztemarathon. „Es fällt mir zumeist schwer zu glauben, dass ich nicht tödlich krank bin, wenn nicht alles durchgecheckt ist“, sagt Jana. Sie weiß, dass es schon oft „aus dem Ruder gelaufen ist“, wenn sie nach einem MRT zum x-ten Mal hört: „Wir haben festgestellt, Sie haben nichts.“ Und doch lassen die Angst und die Anspannung immer erst mit dem negativen Befund nach.

Sich mit der Angst einrichten

Es ist kein leichtes Leben mit so viel Anspannung. Im Gegenteil, Jana weiß, wie anstrengend und kräftezehrend der Alltag zuweilen werden kann. Um immer wieder doch noch abschalten zu können, beamt sie sich dann beim stundenlangen Serienschauen oder Computerspielen weg. Was beim Zuhören extrem mühsam klingt, hat Jana jahrelang still ertragen. Sie kann auf viele derartige Angstspiralen zurückblicken. Warum hat sie so lange gewartet damit, sich fachärztlich-psychiatrische Hilfe zu suchen? „Man richtet es sich einfach ein in seinem Angst-Leben“, weiß Jana zu berichten und fügt hinzu: „Ich wollte nicht wahrhaben, dass ich eine Angsterkrankung habe. Für mich ging es immer darum, meine körperlichen Beschwerden abzuklären. Dann war wieder alles gut.“ Kurzfristig begonnene Therapien hätte sie daher auch immer wieder abgebrochen.

Neustart

Was Jana jahrelang erlebt hat, ist nicht untypisch für Angsterkrankungen. Häufig ist Betroffenen ihre Symptomatik lange nicht klar; Scham- oder Schuldgefühle halten viele davon ab, sich rasch Hilfe zu holen. Jana hat diesen Punkt überwunden. Seit Kurzem ist sie medikamentös eingestellt und erleichtert, dass die Anspannung im Alltag dadurch gesunken ist. Und auch die ständigen Gedankenkreisel seien wesentlich weniger aggressiv. „Alles ist ein bisschen auf Abstand“, erklärt Jana. Trotzdem möchte sie es nicht bei den Medikamenten belassen. „Mir kommt diese Unterstützung in manchen Momenten oberflächlich vor“, sagt sie und erzählt, dass sie nun erstmals längerfristig eine Psychotherapie angehen möchte. Ob sie dabei auf die Ursachen ihrer Angst stößt, weiß sie noch nicht. „Vieles ist doch auch erblich“, sagt Jana mit gutem Grund, litt doch bereits ihr Vater unter einer Angsterkrankung. „Bei ihm war es weniger schlimm, er hat sich damit abgefunden“, ergänzt sie. Jana will jetzt erstmals der Angst ins Auge sehen. Zum Schluss des Gesprächs sagt sie daher mit einem verschmitzten Lachen: „Ich will nicht, dass die Angst immer gewinnt.“

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Dieser kurze Online-Selbsttest zur ersten Einschätzung eventuell erhöhter allgemeiner Ängstlichkeit ersetzt keinerlei eine ärztliche Untersuchung oder eine exakte fachärztlich-psychiatrische Diagnose und stellt lediglich einen Anhaltspunkt dar.

Ob Sie tatsächlich an einer behandlungsbedürftigen Angststörung leiden, kann nur ein Arzt oder eine Ärztin zuverlässig feststellen. Wenden Sie sich hierzu bitte an einen Facharzt/eine Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin bzw. Ihren Hausarzt/Ihre Hausärztin, wenn eine direkte fachärztlich-psychiatrische Vorstellung nicht möglich ist.  

mit freundlicher Unterstüzung von
Dr.med.univ. et scient.med. Lucie Bartova (MD PhD)
Fachärztin für Psychatrie und psychotherapeutische Medizin

 

  • Die Vereinigung Österreichischer Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten versteht sich als modernes Netzwerk, das seine Mitglieder durch vielfältige Fortbildungsangebote, Austauschmöglichkeiten und ein breites Service-Spektrum in ihrer täglichen Praxis unterstützt. Engagiert, am Puls des Fachdiskurses und mit offenem Ohr für die Anliegen der Berufsgruppe sorgen wir für eine Interessenvertretung mit Bodenhaftung.
  • Die Österreichische Gesellschaft für Neuropsychopharmakologie und Biologische Psychiatrie (ÖGPB) hat es sich seit 1998 zum Ziel gesetzt, alle ÄrztInnen bzw. weiteren Berufsgruppen zu erreichen, denen die Weiterbildung und Forschung auf dem Gebiet der Neuropsychopharmakologie und biologischen Psychiatrie ein Anliegen ist. Es entspricht der ÖGPB, die Fortbildung zu stimulieren und zu organisieren.
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